Nachhaltiger Tourismus in Schweden – Beispiel: Ödevata

Michael März
Ferienhof für nachhaltigen Tourismus: Ödevata Gårdshotell

(© Bild: Ödevata, M&M Axelsson) Viele Touristen fühlen sich magisch angezogen von Schweden, nicht zuletzt wegen seiner atemberaubenden und vielfach unberührten Natur. Da passt es ganz wunderbar, dass das globale Marktforschungsunternehmen „Euromonitor International“ Schweden zum nachhaltigsten Urlaubsziel des Jahres 2021 gekürt hat. Ergänzend dazu verkündete die schwedische Regierung im Herbst 2021 ihre Vision für den Tourismus der Zukunft: „Bis 2030 ist Schweden das nachhaltigste und attraktivste Reiseziel der Welt, basierend auf Innovation.“ Die Strategie soll dabei auf den drei Dimension der Nachhaltigkeit aufbauen: Sie muss ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltig sein. „Visit Sweden“, Schwedens offizielle Website für Tourismus- und Reiseinformationen, hat passend dazu einen Clip veröffentlicht. Hübsche Motive, plakative Botschaften – auf der Website unter der Rubrik „Why Sweden?“ in verschiedenen Sprachen einzusehen.

Auszeichnung, Visionen, passende Bilder – und konkret? Für meinen Blog habe ich mich auf die Suche nach einem realen Projekt gemacht, wo Nachhaltigkeit im Fokus steht und live erlebbar ist. Dabei bin ich auf Patrick Elling gestoßen. Ein Skandinavien-Fan, der zusammen mit seiner Frau Doro neun Monate als Volunteer in Südschweden gelebt und gearbeitet hat. Inmitten der Wildnis von Småland auf dem Ferienhof Ödevata. Seine Eindrücke von „gelebter Nachhaltigkeit“ hat er für meinen Blog aufgeschrieben.

Ödevata – nachhaltiger Tourismus in der Wildnis von Småland

Ödevata ist ein kleines Paradies mitten im Wald. Der Ferienhof, direkt am gleichnamigen See beheimatet, liegt knapp zehn Kilometer außerhalb der Gemeinde Emmaboda in der Region Kalmar. Die Ostseeinsel Öland – nach Gotland die zweitgrößte Schwedens – ist rund fünfzig Kilometer entfernt. In einem Radius von maximal siebzig Kilometern sind die regionalen Verwaltungssitze Karlskrona, Kalmar und Växjö erreichbar.

Ufer des Ödevaten-Sees
Der Ferienhof Ödevata liegt mitten in der Natur und hat Zugang zum See Ödevaten © Bild: Ödevata, M&M Axelsson

„Wir möchten die nachhaltigste Touristeneinrichtung in ganz Schweden (vielleicht auch der Welt) werden.“ Diesen Anspruch vermitteln mir Malin und Magnus Axelsson direkt bei unserer ersten Begegnung. Und sie lassen ihren Worten Taten folgen. 2005 haben die zwei Ödevata gekauft, einen großen Bauernhof, der aus dem Jahr 1880 stammt und seit 1920 bewegende Nutzungen im Staatsbesitz erlebt hat: Arbeitsheim für Väter, Flüchtlingslager im Zweiten Weltkrieg, offener Vollzug mit bis zu sechzig Häftlingen. Seit 2006 arbeiten Malin und Magnus unermüdlich dafür, die einst verwilderte und baufällige Farm zu einem Wohlfühlort für nachhaltigen Tourismus zu entwickeln. Mit Erfolg, wie ich finde.

Leuchtturmprojekte Gewächshaus der Zukunft, Biokohle, Aquaponic

Das schillerndste Projekt in Ödevata ist das Gewächshaus der Zukunft, auch „Framtidens Orangeri“ genannt. Schillernd nicht nur, wenn es draußen dunkel wird und innen die bunten Lichter herrlich erstrahlen. Das von der Europäischen Union (EU) geförderte und mehrfach ausgezeichnete Projekt zeigt die Kraft der aquaponischen Lebensmittelproduktion – Fischzucht kombiniert mit dem Anbau besonderer Pflanzen. Zentrale Elemente: Biokohle, geschlossener Wasserkreislauf, Wärme über Hackschnitzelheizung.

Biokohle wird in Ödevata selber produziert. Dabei kommen von Magnus konstruierte und aus wiederverwerteten Materialien gebaute Kon-Tikis (vergleichbar mit Pyrolyseöfen) zum Einsatz. Vereinfacht gesprochen wird holziger Abfall z. B. vom Baumschnitt in den Kon-Tikis angefeuert und nach einer bestimmten Zeit mit Wasser abgelöscht.

Biokohle aus Schweden
Nahaufnahme der selbst erzeugten Biokohle © Bild: Ödevata, M&M Axelsson

Die hieraus entstehende Biokohle, auch Pflanzenerde oder Terra Preta, gilt als Bodenverbesserer und kommt in Ödevata vielfältig zum Einsatz: als Futterzusatz und Streu für die Hof-Hühner, als Beimischung für die Kompostierung, als Untergrund für die Gründachhäuser und natürlich im Gewächshaus der Zukunft. Die Pflanzen im Gewächshaus gedeihen in Biokohle – und wie: tropische Pflanzen wie Passionsfrüchte und Bananen, mitten in Südschweden! Die leckersten Tomaten, die ich je gegessen habe, schmackhafte Physalis und viele weitere Gewächse.

Dazu wird das Wasser aus den zwei großen Fischtanks durch die Pflanzenbeete geleitet. Der Effekt: Die Biokohle filtert das Wasser und speichert die von den Fischen abgegebenen Nährstoffe für die Pflanzen. Der Clou: Das gefilterte Wasser kann über ein geschlossenes Kreislaufsystem für die Fischzucht weiterverwendet werden und wird nicht ständig ausgetauscht. Nachhaltig!

Wie die Wärme. Damit die Fische sich wohlfühlen und die tropischen Pflanzen prächtig gedeihen, braucht es entsprechende Temperaturen im Wasser und der Luft. Diese Wärme wird über einen Hackschnitzelofen erzeugt, der neben dem Gewächshaus auch weitere Gebäude mit Wärme und Warmwasser speist. Und während er Energie produziert, spuckt er parallel auch permanent Biokohle aus.

Ausprobieren, lernen, teilhaben lassen

Was mich an Ödevata fasziniert, ist die Energie und Leidenschaft, mit der Malin und Magnus ihren nachhaltigen Weg konsequent weiterentwickeln. Und wie sie andere teilhaben lassen. Die Ideen gehen den beiden nie aus und sie wagen sich ständig an Neues. Was sie nicht kennen, aber weitere Schritte in Richtung Nachhaltigkeit verspricht, probieren sie aus. Was sie nicht können, lernen sie. Und sie schaffen es immer wieder, Menschen auf ihrem Weg mitzunehmen und damit Multiplikatoren für nachhaltiges Wirken zu sein.

Aquaponik im Gewächshaus
Gäste erfahren mehr über das Aquaponik-System © Bild: Ödevata, M&M Axelsson

In Ödevata sind viele Gruppen zu Gast, die sich über das Aquaponic-System informieren. Malin und Magnus nehmen sich gerne Zeit, um die Themen ausführlich und anschaulich zu erklären. Und wenn es zeitlich mal nicht passt, ist ein Audioguide in schwedischer und englischer Sprache verfügbar, damit Gäste eigenständig das System verstehen können.

Für die Live-Produktion von Biokohle können Kurse gebucht werden, vor Ort in Ödevata. Und gerne wird der portable Kon-Tiki auch auf den Hänger geladen, um irgendwo in Südschweden interessierte Gruppen mit Biokohle vertraut zu machen. Dass bei der Produktion von Biokohle parallel auf dem Kon-Tiki gegrillt und leckerster Kaffee gebrüht wird, nutzt nicht nur die Energie doppelt, sondern unterstreicht auch die besondere Gastfreundschaft, mit der Malin und Magnus ihre Gäste verwöhnen.

Offenheit und Teilhabe spiegelt sich in Ödevata auch bei den „helfenden Händen“ wider. Tolle Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chancen bekamen, sind in Ödevata integriert worden. Nachbarn bringen sich mit eigenen und gemeinsamen Projekten ein, es bestehen interessante Netzwerke wie zum Beispiel mit „GoNatureTrip“. Wie wunderbar Volunteers eingebunden werden, habe ich selber erfahren dürfen – aus geplanten drei Wochen Volunteering wurden neun Monate.

Jüngstes Highlight: nachhaltiges Sanieren

In Ödevata wurde schon immer darauf geachtet, nicht alles neu zu kaufen, sondern bewusst mit Ressourcen umzugehen. Sind Dinge kaputt, wird repariert. Wird etwas gebraucht, ist der erste Blick, was schon da ist. Wenn dann noch was fehlt, wird selten neu gekauft. Sondern immer erst geprüft, was recycelt und secondhand zu bekommen ist.

Ödevata: Axelssons Gröna Länga
Eines der Schlafzimmer im Appartmenthaus © Bild: Ödevata, M&M Axelsson

Mit „Axelssons Gröna Länga“ haben Malin & Magnus gezeigt, wie Komfort und Nachhaltigkeit im Einklang kombiniert werden können: Aus alten Barracken, über Jahre als Lagerfläche genutzt, sind drei wunderschöne Appartements mit Seeblick entstanden. Dabei sind nahezu ausschließlich recycelte Materialien zum Einsatz gekommen, aus eigenem Bestand oder von umliegenden Partnern. Wo das nicht ging, wurde auf regionale Produkte geachtet, bei technischen Einrichtungen auf höchste Energieeffizienz. Und als es um die Ausstattung ging, wurde nicht neu gekauft, sondern viele Online-Plattformen und die in Schweden so beliebten „Loppis“ (auf Deutsch: Flohmärkte oder Second-Hand-Läden) durchforstet.

Ein echtes Vorzeige-Projekt – durchdacht, eindrucksvoll konsequent umgesetzt, echt nachhaltig und dabei so herrlich gemütlich. Übrigens mit einem Gründach über dem Kopf, natürlich mit der eigenen Biokohle als Untergrund. Und einem Permakultur-Garten direkt vor der Tür. Denn gegenüber vom hauseigenen Gemüse- und Kräutergarten entsteht vor den drei Appartments von „Axelssons Gröna Länga“ aktuell ein kleines Natur-Biotop. Da wo etwas besonders gut wächst, darf es wachsen. Optik ist im Permakultur-Garten nicht der Treiber. So wie die Natur es vorsieht, soll es sich entwickeln. Für Tier, Mensch und Erde.

Nachhaltiger Urlaub? Auf nach Ödevata!

Nachhaltigkeit erleben, lernen, teilhaben – dass das in Ödevata möglich ist, dürfte angeklungen sein. Auf diesem besonderen Ferienhof in der Wildnis von Småland lässt sich aber einfach auch besonders hervorragend Urlaub machen. Auf insgesamt 16 Hektar erstreckt sich das Gelände direkt am See Ödevaten. Neben den drei Appartements in „Axelssons Gröna Länga“ und vier großen Ferienhäusern rund um den See, lädt auch das gemütliche „Ödevata Gårdshotell“ mit seinen zwölf Zimmern zu komfortablen Übernachtungen ein.

Ödevata: Hofgarten
Wie es sich für einen richtigen Ferienhof gehört, sind auch freilaufende Hühner anzutreffen © Bild: Ödevata, M&M Axelsson

Beim Frühstück gibt es neben ökologischen Produkten gerne Selbstangebautes aus dem Garten und natürlich ein frisches Ei von den eigenen freilaufenden Hühnern. Ein Großteil des Stroms wird auf dem hauseigenen Dach produziert und im 2021 etablierten Umweltprogramm sind viele kleine und große Maßnahmen festgehalten, die Schritt für Schritt bis 2026 umgesetzt werden sollen.

Bunt und vielfältig sind die Aktivitäten, die rund um Ödevata möglich sind: Angelausflug mit Ruderboot und Elektromotor, Kanu oder Kajak auf dem hauseigenen See – alles vor Ort buchbar inklusive der benötigten Ausrüstung. Natürliche Schwimm- und Badeplätze rund um den See, dazu holzbefeuerte Saunen auf Schwimm-Pontons. Diverse Rad- und Wanderwege gehen direkt vom Gelände los, für kleine Gäste sind der Spielplatz und die Hoftiere ein Highlight.

Fazit
Was auch immer sich die Tourismusbranche für lustige Marketingslogans ausdenkt – in Ödevata hat Patrick aufrichtige und substantielle Nachhaltigkeit erleben dürfen. Hier wird einfach gemacht und ausprobiert. Dabei funktioniert mal was nicht, in den meisten Fällen kommt aber etwas Wunderbares dabei raus – für den Einzelnen, die Gemeinschaft und den Planeten.

Dass das einhergehen kann mit Komfort, der Möglichkeit abzuschalten und sich treiben zu lassen, ist für mich ein wichtiges Merkmal von Ödevata. Wahrscheinlich möchte nicht jede und jeder in Nachhaltigkeit tiefer einsteigen. Aber: Entspannenden und erfüllenden Urlaub zu machen, an einem Ort, wo Vieles richtig gemacht wird für den Erhalt der Erde, ist ja so schlecht nicht. Oder?

Bist Du interessiert, Ödevata live kennenzulernen? Dann findest Du hier umfangreiche Infos, Buchungs- und Kontaktmöglichkeiten: https://www.odevatagardshotell.se/de/start/.

Ödevata in SmålandGPS-Koordinaten: Breite 56.60569°, Länge 15.67221°. Region: Småland. Ödevata ist am besten über die Europastraße 22 zu erreichen, die entlang der schwedischen Südostküste am Schärengarten von Blekinge vorbeiführt. Nachhaltiger reist Du mit der Bahn an: Der nächstgelegene Bahnhof befindet sich in Emmaboda. Von dort fährt ein spezieller Nahverkehrsbus bis Ödevata, der rechtzeitig vorbestellt werden muss.

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