Anderstorp: Rennstrecke & Westernstadt High Chaparral

Anderstorp: frühere Formel 1 Rennstrecke
Ronnie Peterson im Lotus bei seinem ersten Heimrennen 1973 in Anderstorp © Foto: Anderstorp Racing Club

Wer heutzutage die Formel 1 verfolgt, blickt aller vierzehn Tage in ein Schaufenster der Automobilindustrie. Glänzend polierte Hightech-Rennwagen ziehen auf frisch gewalzten Asphaltbahnen einsam ihre Kreise; emsig drapiert von Werbetafeln, Betontribünen, Vergnügungsparks und Hochhäusern. Stimmen, die den Sport als Zirkus der Langeweile kritisieren und auf die Schattenseiten seiner Kommerzialisierung verweisen, begleiten die Berichterstattung seit Jahren. Doch ändern können sie nichts. Gerne verweisen die Kritiker auf die goldene Ära des Sports in den 1970er Jahren, in der der sportliche Wettkampf noch im Mittelpunkt gestanden hätte, aber wer erinnert sich daran noch zurück? Das Publikum von heute ist jedenfalls ein ganz anderes. Wie sehr sich der Sport verändert hat, lässt sich den Fans von Hamilton, Vettel & Co. kaum vermitteln. In diesem Beitrag möchte ich dennoch einen Versuch wagen. Ich bediene mich einmal nicht der häufig zitierten Namen und Daten, sondern möchte die Aufmerksamkeit auf einen besonderen Ort in Schweden lenken: Er heißt „Scandinavian Raceway“.

Schwedens Formel 1-Märchen der 1970er Jahre

Die Gegend nördlich des Bolmensees und rund um den Nationalpark Store Mosse ist reich an Wäldern, Steinen, Seen und kleinen Dörfern. Sie vermarktet sich seit Längerem unter dem Namen „Gnösjöregion“, allerdings weniger mit dem Ziel Touristen anzulocken, sondern eher um Arbeitskräfte und Investoren zu gewinnen. Traditionell sichern hier kleine Industrieunternehmen den bescheidenen Wohlstand, darunter GARO AB, Holmgrens Plast, Plast AB Orion, Gislaved Energi und lange Zeit auch die Reifenfabrik in Gislaved, welche 2002 geschlossen wurde. So war es kein Zufall, dass sich Anfang der 1960er Jahre der Unternehmer Sven Åsberg mit seinen Verschromungswerkstätten Industricrom in Anderstorp ansiedelte. Sein Geschäft florierte so gut, dass er nebenbei Geld in den Motorsport stecken konnte und zusammen mit anderen Unternehmern aus der Umgebung letztlich auch Pläne für eine Trainings- und Rennstrecke vorantrieb.

Das Resultat liest sich wie ein kleines Motorsportmärchen: Es war einmal ein verschlafenes Dorf, fernab der Großstädte und mitten in der småländischen Provinz. Da kamen eines Tages die drei weisen Autonarren Sven Åsberg, Bertil Sanell und Åke Bengtsson mit ihrem Geld und Initiativgeist und verwandelten es binnen weniger Jahre zum Herzen des schwedischen Motorsports. In einem Moor namens Stötabomossen, wo es jahrhundertelang nur stille Wälder, Grasbüschel und Wasseradern gegeben hatte, ließen sie einen riesigen Baugrund für Fahrbahnen, Tribünen, Boxenanlagen und Servicegebäude schaffen. Und schon zwei Jahre nach der ersten Probesprengung fand das erste Sportwagenrennen auf der neuen Strecke statt. Zwei Faktoren begünstigten die rasante Entwicklung: Zum einen die schwedische Hochkonjunktur, zum anderen der schwedische Rennfahrernachwuchs. In Ronnie Peterson gab es erstmals seit den 1960er Jahren wieder einen ambitionierten Formel 1-Fahrer aus dem Land von Volvo und Saab.

Während Peterson 1971 zum Vize-Weltmeistertitel fuhr und sich im darauffolgenden Jahr trotz seines unterlegen Wagens im Fahrerfeld etablierte, gelang es dem Team um Sven Åsberg an den Automobil-Weltverband (FIA) heranzutreten. Die Enthusiasten aus der schwedischen Provinz brachten den Scandinavian Raceway ernsthaft als Austragungsort für ein Rennen der Formel 1-Rennen ins Gespräch. Und sie konnten sich auf zwei schlüssige Argumente verlassen: Erstens gehörte ihre Rennstrecke damals zu den modernsten und sichersten ihrer Art – weite Auslaufzonen, Leitplanken und Fangzäune suchte man anderswo noch vergebens. Zweitens war der Streckenverlauf zuschauer- und kamerafreundlich gestaltet. Von vielen Standorten aus konnte man mehrere Kurven und Geraden auf einmal überblicken.

Am 17. Juni 1973 war es schließlich so weit: Ronnie Peterson führte das Teilnehmerfeld von der Pole Position aus in das erste Formel 1-Rennen auf schwedischem (und skandinavischem) Boden. Rund 50.000 Zuschauer verfolgten, wie ihr Lokalmatador sich über 79 Runden lang an der Spitze hielt. Erst in der allerletzten Runde musste er sich dem Neuseeländer Denis Hulme geschlagen geben, der von Reifenproblemen des Schweden profitierte. Hulme fuhr als Erster über die Ziellinie, Peterson vier Sekunden später. Platz drei ging an François Cevert aus Frankreich. Bis zur Weltmeisterschaftssaison 1978 sollte Anderstorp ein fester Termin im Rennkalender bleiben.

Alle Sieger des Grand Prix von Schweden

JahrSiegerSiegerteamØ-Geschwindigkeit
1973Denis HulmeMcLaren-Ford165,169 km/h
1974Jody ScheckterTyrrell-Ford162,723 km/h
1975Niki LaudaFerrari161,656 km/h
1976Jody ScheckterTyrrell-Ford162,381 km/h
1977Jacques LaffiteLigier-Matra162,335 km/h
1978Niki LaudaBrabham-Alfa Romeo167,609 km/h

Und es blieb ein besonderer Termin mit besonderen Begleiterscheinungen: Anders als etwa in Monaco, Montréal oder Rio de Janeiro gab es rund um die Strecke keine städtische Infrastruktur mit einer ausreichenden Anzahl von Hotelbetten für Fahrer, Renningenieure und Zuschauer. Die Lösung fand sich in einer Westernstadt. Und das mitten in Südschweden! 1966 war in Kulltorp bei Anderstorp ein Themenpark entstanden, der bis heute unter dem Namen „High Chaparral“ firmiert. Als sich der Formel 1-Tross ankündigte, ließ der Betreiber des Parks innerhalb von drei Monaten eigens ein Hotel mit zweihundert Zimmern bauen. Und so pendelten die Stars während der Rennwochenenden ganz unglamourös über staubige Dorfstraßen zwischen der Rennstrecke und ihrem gemeinsamen Quartier.

„Anderstorp Raceway“ in der Gegenwart

Anderstorp als Motorrad-Rennstrecke
Zwischen 1971 und 1990 wurden 17 Läufe der Motorrad-WM in Anderstorp ausgetragen © Foto: Anderstorp Racing Club

Dass die Formel 1-Ära von Anderstorp 1978 endete, lag nicht am ausbleibenden Heimsieg eines Schweden oder an sportlichen Misserfolgen. Im Gegenteil: Ronnie Peterson griff in jenem Jahr sogar noch einmal aussichtsreich in den Titelkampf ein. Bei seinem letzten Heimrennen konnte er immerhin den dritten Platz belegen. Dass Peterson einige Wochen später beim Grand Prix von Italien verunglückte und an den Folgen des Unfalls starb, lähmte die Bemühungen für ein weiteres Formel 1-Rennen in Anderstorp verständlicherweise. Hinzu kam der plötzliche Krebstod von Gunnar Nilsson, des zweiten schwedischen Erfolgspiloten der 1970er Jahre. Die Betreiber des Scandinavian Raceway konzentrierten sich in der Folgezeit darauf, die Motorrad-Weltmeisterschaft in Anderstorp zu halten. Bis 1990 fanden insgesamt 17 WM-Läufe statt, bei denen zwei Schweden jeweils einen Sieg erringen konnten: 1973 Börje Jansson und 1974 Kent Andersson. Beide in der Viertelliterklasse.

Nach den Glanzzeiten hielt Bescheidenheit Einzug. Rennveranstaltungen wurden seltener und der Zustand der Strecke verschlechterte sich. Als ich im Sommer 2000 mit einem Freund nach Anderstorp kam, war von den großen Tribünen und Außenanlagen der Formel 1-Jahre nicht mehr viel zu sehen. Ledglich in einem Flachbau am Start-Ziel-Bereich konnten wir noch Fotos und Werbeplakate aus den besseren Tagen bewundern. In den darauffolgenden Jahren wurde die Rennstrecke unter der Bezeichnung „Anderstorp Raceway“ vermarktet und noch einmal grundlegend renoviert. So war es möglich, im Kalender einiger Sportwagenserien unterzukommen. Wenn gerade keine Rennen stattfinden, veranstaltet der Anderstorp Raceway Club (ARC) vereinzelte Trainingsprogramme. Zusätzliche Einnahmen bringt der Flugbetrieb, für den die lange Gerade als Start- und Landebahn umfunktioniert wird. Besucher von Trainingsrennen oder Rennveranstaltungen können direkt an der Strecke übernachten. Dazu vermietet der ARC einige Campingstugas, Wohnwagen und Zeltflächen an der Kurve „Karusellen“. Außerdem stehen Depotboxen in verschiedenen Größen zur Vermietung. Das Servicegebäude befindet sich im Maschinendepot, etwa 150 Meter von den Stugas entfernt gegenüber des Streckencafés.

Ausflugsziel: Westernstadt High Chaparral

Kaum zwanzig Kilometer von der Rennstrecke entfernt steht heute noch immer die Westernstadt, in der die Formel 1-Fahrer der 1970er Jahre übernachteten. Sie ist über eine Landstraße gut mit der Europastraße 4 bei Värnamo angebunden. Wenn Du Dich also auf der Durchreise von Malmö zum Vätternsee befindest oder von Göteborg aus in Richtung Öland fährst, bietet sich der Themenpark für einen ein- bis zweitägigen Zwischenstopp an. Während der Öffnungszeiten (etwa Anfang Juni bis Ende August) des über 50 Hektar großen Areals erwarten Dich folgende Attraktionen:

  • rund 260 Nachbauten von typischen Gebäuden des Wilden Westens der 1870er Jahre einschließlich eines Bahnhofs und einer Kirche
  • Aktivitäten wie Goldschürfen, Cancan-Schule, Line-Dance, Ponyreiten und Schießen
  • Fahrten mit Dampfeisenbahn, Raddampfer und Pferdekutschen
  • eine Wild-West-Stuntshow und weitere Showeinlagen zu den Themen Siedler, Zorro, Indianer, Lucky Luke und Eisenbahn
  • gut ein Dutzend Geschäfte sowie ein Dutzend Restaurants und Imbisslokale
Westernstadt High Chaparral bei Anderstorp
Zum Pflichtprogramm für Wild-West-Fans gehören die Stuntshows von High Chaparral © Foto: High Chaparral

Das Tagesticket kostet in der Hauptsaison (von Ende Juni bis Mitte August) ca. 35 Euro für Erwachsene und Kinder über 100 cm Körpergröße. Kleinkinder dürfen kostenlos in den Park. Für die Dampfeisenbahn, das Goldschürfen und das Duell werden geringfügige Aufpreise verlangt. Fürs Parken kommen ganztägig ca. 7 Euro hinzu. Wenn Du zwei Tage in High Chaparral verbringen möchtest, stehen Dir drei Übernachtungsmöglichkeiten zur Auswahl: der Campingplatz, das Motel „Wild West Inn“ sowie das Feriendorf mit Stugas. In Kulltorp und Värnamo gibt es außerdem mehrere Hotels. Ein weiterer Campingplatz befindet sich außerhalb von Kulltorp in einem Wald Richtung Anderstorp. Sein offizieller Name ist „Björsbo Forest & Hideaway“. Du kannst hier neben Hütten auch Stellplätze für Wohnwagen bzw. Wohnmobile sowie Zelte mieten.

Falls Du Fragen zur Westernstadt hast oder gerne noch Hinweis zur Geschichte der Rennstrecke beisteuern möchtest, steht Dir selbstverständlich die Kommentarfunktion unter dem Beitrag offen!

Habe ich Deine Neugier für weitere besondere Orte in Schweden geweckt? Dann findest Du in meinem Blog noch folgende Beiträge aus der Reihe:

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