Haparanda/Tornio: Zwillingsstadt in Schweden & Finnland

Michael März
Torneälv trennt Haparanda und TornioEisenbahnbrücke in Tornio als Verbindung von Schweden und Finnland

(Bild in Lizenz von Roland Magnusson – stock.adobe.com) Wer von Schweden nach Finnland weiterreisen möchte, kann dafür verschiedene Ostseefähren nutzen oder die Grenzübergänge in Lappland überqueren. Der nördlichste davon befindet sich bei Karesuando, der südlichste bei Haparanda. Hierher gelangen die meisten Reisenden über die Europastraße 4, die von Helsingborg einmal quer durch Schweden verläuft. Die Verkehrsader führt noch über den Grenzübergang nach Finnland, bevor sie am ersten großen Knotenpunkt von Tornio endet und in die Europastraße 8 mündet.

Warum „Zwillingsstadt“?
Tornio heißt die direkte Nachbarstadt von Haparanda. Man spricht auch von einer „Zwillingsstadt“, weil beide förmlich ineinander übergehen. Die Bezeichnung an sich ist jedoch etwas irreführend, weil Tornio deutlich früher entstand als Haparanda. Es wurde bereits 1621 gegründet und ist damit die älteste Stadt in ganz Lappland. Haparanda entstand erst, nachdem Schweden Tornio mitsamt des übrigen finnischen Territoriums verlor. Das geschah im Jahre 1809, infolge des Russisch-Schwedischen Kriegs. Schweden versuchte, mit Haparanda einen neuen, eigenen Handelsplatz an der Grenze aufzubauen. Dies gelang nicht ganz, wie erhofft. So ist Haparanda heute die kleinere der beiden Städte.

Besonderheiten von Haparanda und Tornio

Wenn man nicht gerade von Schweden nach Finnland reist, scheint auf den ersten Blick wenig dafür zu sprechen, einen Abstecher nach Haparanda bzw. Tornio zu machen. Beliebte Reiseziele wie Höga Kusten oder die Nationalparks im Skanden liegen mehrere Autostunden entfernt. Zudem führen Rundreisen durch Nordschweden auch nicht gerade an der schwedisch-finnischen Grenze vorbei. Die nächstgelegene Route von Gällivare nach Luleå (oder umgekehrt) kommt Haparanda immerhin sehr nahe: Sie vereinigt sich bei Töre, etwa eine Autostunde entfernt, mit der E4. Werfen wir gemeinsam einen zweiten Blick auf die Zwillingsstadt, um zu sehen, ob sich ein Umweg vielleicht doch lohnt!

Haparanda: Norrskensvägen
Die touristische „Polarlichtstraße“ verläuft in Schweden zwischen Haparanda und Karesuando (Bild in Lizenz von Pernilla Ahlsén – imagebank.sweden.se)

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Fürs Auge Haparanda und Tornio haben erstmal wenig zu bieten. Lediglich die ältesten Kirchen in beiden Städten taugen als Fotomotive. Die Landschaft rundherum ist flach und bewaldet. Von Höhenzügen keine Spur. Grund dafür ist der Torne älv. Der Fluss aus dem hohen Norden Lapplands mündet südlich der Zwillingsstadt in den Bottnischen Meerbusen und breitet sich davor zu einem Gewässersystem aus – mit vielen Nebenarmen und Kurven. Das ist auf seine Weise faszinierend, aber längst kein Grund, hierherzukommen.

Für mich ist die geografische Lage der Zwillingsstadt das stärkere Argument: Nirgendwo sonst an der Grenze von Schweden und Finnland treffen zwei Städte aufeinander. Daraus ergeben sich für Haparanda und Tornio mehrere Besonderheiten:

  • In Finnland gilt nicht die Mitteleuropäische, sondern die Osteuropäische Normalzeit. Dadurch verläuft durch die Zwillingsstadt eine Zeitzonengrenze. Wenn Du Haparanda Richtung Tornio verlässt, musst Du Deine Uhr eine Stunde vorstellen. Bei der Rückkehr auf die schwedische Seite musst Du sie eine Stunde zurückstellen.
  • Man kann nicht nur in Tornio, sondern auch in Haparanda mit dem Euro bezahlen, obwohl er in Schweden kein offizielles Zahlungsmittel ist.
  • Zwischen beiden Städten verläuft die einzige Eisenbahnverbindung zwischen Schweden und Finnland. Weil Finnland ein breiteres Schienensystem als Schweden nutzt, gibt es zwischen den beiden Grenzbahnhöfen ein Vierschienengleis. So können Züge beider Länder die Bahnhöfe anfahren.

Wenn Du einmal hier bist, kannst Du Dich auf finnischer Seite im Tornetalmuseum (auf Finnisch: „Tornionlaakson museo“) über die Kultur und Geschichte der Grenzregion am Torne älv informieren. Das Museum veranschaulicht Alltägliches und Regionaltypisches mithilfe verschiedener Medien. Einen weiten Ausblick auf die Zwillingsstadt und ihre eigentümliche Flusslandschaft ermöglicht der Wasserturm (auf Finnisch: „Tornion vesitorni“) mit seiner Besucherplattform. Zurück auf dem Boden, kannst Du den Besuch in Tornio im „Aine Art museum“ abrunden, das vor allem Fotografien und Gemälde zeitgenössischer bzw. moderner Künstler aus Nordfinnland zeigt.

Schwedenurlauber empfiehlt:
Eine touristische Straße durch die nördlichste Region Lapplands ist die Polarlichtstraße (auf Schwedisch: „Norrskensvägen“). Sie verbindet Norwegen, Schweden und Finnland. In Schweden verläuft sie zwischen Haparanda und Karesuando auf dem Riksväg 99. Landschaftliche Attraktionen auf der Route sind die Stromschnellen von Kukkola, die Klippen von Kattilakoski und die Felsformationen am Luppioberg. Hinzu kommt mit dem aufgegebenen Friedhof Akamella ein interessanter „lost place“. Mit etwas Glück kannst Du in der Zeit von September bis März tatsächlich Polarlichter beobachten.

Stromschnellen von Kukkola (Kukkolaforsen oder Kukkolankoski)

Kukkola am Torneälv
Traditionelle Katen in Kukkola am Torneälv (Bild in Lizenz von Pernilla Ahlsén – imagebank.sweden.se)

Wenn die Zwillingsstadt auf Grund ihrer besonderen Lage erst einmal Dein Interesse geweckt hat, wirst Du in ihrer Umgebung noch weitere Gründe für einen lohnenden Besuch entdecken: Ein Stück flussaufwärts am Torne älv gelangst Du zum ersten landschaftlichen Anziehungspunkt: die Stromschnellen von Kukkola. Sie ziehen sich über etwa 3,5 km, auf denen der Fluss etwa 14 Höhenmeter abfällt. Deshalb kann man auch von einem Wasserfall sprechen. Die Strömung ist lebhaft, aber das Flussbett flach und steinig.

Die Einheimischen nutzen diese Passage seit jeher zum Fischfang. Zahlreiche Lachse und lachsartige Fische (auch: „Coregonen“) gehen hier in die Netze. Traditionelle Fangmethoden wie das Netzfischen und Keschern haben sich bis heute erhalten. Zum Ambiente der Stromschnellen gehören die kleinen roten Holzhäuschen – Ausrüstungsschuppen, Räucherkaten und wasserbetriebene Mühlen – beiderseits des Flusses. Höhepunkt des Jahres ist das „Whitefish Festival“, ein Fest für den lachsartigen Weißfisch. Es findet immer am letzten Wochenende im Juli statt, in der Zeit, wenn die Fischart den Torne älv hinaufzieht. Der Fisch wird feierlich empfangen, geangelt und dann auf traditionelle Weise zubereitet. Das bedeutet, dass der Fisch auf einen Holzstab gespießt und dann wie Flammlachs gegrillt wird.

Wenn Dir in Kukkola zu viel los ist und Du selbst in Ruhe Lachsfischen möchtest, gibt es noch eine Alternative: die Stromschnellen von Matkakoski etwas weiter am Oberlauf, gegenüber des finnischen Dorfes Vonkavaara.

Ausflugsziele an der Bottenwiek

Flussabwärts, an der Mündung des Torne älv, geht die Landschaft in den nördlichsten Schärengarten Schwedens über: Er erstreckt sich zwischen den größeren Inseln Sandskär im Süden, Seskarö im Westen sowie der finnischen Insel Etukrunni. Die Ostsee wird in diesem Teil Bottenwiek genannt. Südlich davon folgt die Meerenge Kvarken. Wie im gesamten Bottnischen Meerbusen, liegen sich Schweden und Finnland auch an der Bottenwiek gegenüber. An ihrem nördlichsten Abschnitt treffen beide Länder jedoch zusammen und bekommen eine Binnengrenze. Genau davor liegt der Schärengarten von Haparanda, der es mit dem Grenzverlauf nicht so genau nimmt. Seine Schäreninsel Kataja hat deshalb einen schwedischen und einen finnischen Teil, genannt Inakari. Für Ausflüge von Haparanda aus kommen folgende Inseln infrage:

  • Hanhinkari: Ist ein typisches Ausflugsziel der Stadtbewohner und im Sommer mit Ausflugsbooten erreichbar. Viele Einheimische haben hier eine Stuga und ein Boot liegen. Auf einem Rundweg kann man etwas von der beschaulichen Atmosphäre aufschnappen und sich in zwei Steinlabyrinthen die Zeit vertreiben. Zwei Grillplätze und Brunnen mit Trinkwasser erleichtern Ausflüglern die Selbstversorgung.
  • Sandskär: Gehört mit seinen Nachbarinseln zum Nationalpark „Haparanda Skärgård“, der 1995 eingerichtet wurde. Bootstouren starten von Nikkala (bei Haparanda), seltener auch von Luleå oder Kalix. Mit dem eigenen Boot kannst Du im Süden der Insel bei Kumpala anlegen. Sandskär bietet einfache Stugas und einen Campingplatz zum Übernachten. Es gibt einen fünf Kilometer langen Wanderweg, von dem man die landschaftliche Vielfalt entdecken kann; angefangen bei den Sandstränden und Sandformationen bis hin zu den Strandwiesen, Heideflächen und Birkenwäldern. Neben zahlreichen Vogelarten können – mit etwas Glück – auch Elche, Rentiere und Robben beobachtet werden.
  • Seskarö: Ist nicht nur per Boot, sondern auch über eine Straße vom Festland aus zu erreichen. Dadurch wird die Insel stärker touristisch genutzt als die anderen im Schärengarten. Es gibt gut markierte und familienfreundliche Wanderwege durch abwechslungsreiche Wald- und Küstenlandschaften. Außerdem kommen Mountainbiker hier ebenso auf ihre Kosten wie Kanu- oder Kajakpaddler. Als Übernachtungsmöglichkeit wird hauptsächlich der Campingplatz Seskarö „Havsbad & Camping“ genutzt. Hier kannst Du nicht nur zelten, sondern auch sehr komfortable Familienstugas buchen.
  • Torne Furö: Ist wie Hanhinkari im Sommer mit dem Ausflugsboot von Haparanda erreichbar. Im Winter fährt der „Snowtrain“ von Riekkola aus über das zugefrorene Meer zur Insel. Wenn nicht gerade Schnee liegt, kannst Du in der geschützten Landschaft von Torne Furö durch lichte, geduckte Wäldchen mit Grauerlen, Ebereschen, Weiden und Birken schlendern, Bären und Pilze sammeln und die unberührte Natur genießen. Bis auf die Anlegestelle ist die Insel nämlich unbebaut. Im Norden und Westen gibt es Strände mit Sand, im Süden und Norden ist die Küstenlinie steiniger. Das „wilde“ Zelten zum Übernachten ist nach dem Jedermannsrecht erlaubt. Zum Feuermachen dürfen jedoch nur festgelegte Plätze genutzt werden.

Tornio: Bottenwiek
Landzunge an der Bottenwiek (Bild in Lizenz von Metsähallitus – mediabank.businessfinland.fi)
Generell ist die Bottenwiek von Dezember bis April zugefroren, sodass Eisstraßen an der Küstenlinie und zu einigen Inseln eingerichtet werden. Im Schärengarten von Haparanda gibt es solche Straßen nicht. Jedoch sind bei dieser Witterung viele Snowmobile und Langlauf-Skifahrer unterwegs.

Im finnischen Teil der Bottenwiek gehören einige Ausläufer des Schärengartens von Haparanda zum Nationalpark „Perämeren kansallispuisto“. Drei seiner Inseln sind mit Ausflugsbooten von Tornio und Kemi aus angebunden. Mit dem eigenen Boot ist es am leichtesten, im Ausflugshafen von Selkä-Sarvi anzulegen. An den Uferabschnitten und Stränden kann es dagegen herausfordernd sein, das Boot an Land zu bekommen. Neben kurzen Wanderungen auf den Inseln, kannst Du an Land sicherlich nicht viel unternehmen. Beeren und Pilze sammeln ist erlaubt. Die meisten Besucher kommen zum Angeln, Kanu fahren und Tauchen in den Nationalpark. Zum Baden gehen empfiehlt es sich, die Strände von Vähä-Huituri, Pihlajakari und Selkä-Sarvi zu nutzen.

Kannst Du Dir vorstellen, Haparanda und Tornio in Deine Reiseroute aufzunehmen? Oder sogar für einige Tage an die Bottenwiek zu fahren? – Dann würde ich mich freuen, wenn ich Dir mit diesem Beitrag einige Anregungen dafür geben konnte! Für Fragen oder Anmerkungen steht Dir die Kommentarfunktion offen.

Haparanda bei TornioGPS-Koordinaten: Breite 65.834167°, Länge 24.116944°. Region: Lappland. Die Binnengrenze zu Finnland beginnt weit im Norden von Schweden, praktisch direkt bei Haparanda, das zugleich die östlichste Stadt des Landes ist. In dieser Randlage ist es sicherlich kein touristischer Hotspot, aber dafür so etwas wie ein Geheimtipp. Denn rund um die Stadt gibt es einiges zu entdecken – nicht nur die Zwillingsstadt Tornio.

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